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Brasilianische Küche: der Süden

Die Küche der südbrasilianischen Bundesstaaten Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul ist stark durch die Traditionen europäischer Einwanderer beeinflusst, die seit dem frühen 19. Jahrhundert aus der Schweiz, Deutschland, Italien, Polen und der Ukraine hierher auswanderten. Böden und Klima  waren hier mitteleuropäischen Verhältnissen ähnlicher als anderswo in Brasilien — unter anderem gedeihen hier Äpfel, Erdbeeren und Weintrauben — und begünstigten den Erhalt europäischer Kulturelemente maßgeblich.

Schweizer Immigration nach Brasilien begann bereits 1819 mit der Gründung von Nova Friburgo unweit von Rio de Janeiro, und konzentrierte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Region des heutigen Joinville in Santa Catarina. Hochburgen deutscher Traditionen (vornehmlich aus Pommern und dem Hunsrück) sind u.a. die Städte Blumenau und Pomerode, ebenfalls in Santa Catarina, deren Umland bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs de facto zweisprachig war. So findet sich auf den Speisezetteln von Santa Catarina neben reichlich Chucrute (Sauerkraut), Joelho de Porco (Eisbein), Vina (Weisswurst) und einer Vielzahl von Kuchen (Cuca) gelegentlich auch ein Raclette du Valais, beispielsweise auf den Fondue-Festivals von Joinville. Seinen alljährlichen Höhepunkt erreicht der Ausdruck alemannischer Wurzeln in Südbrasilien mit den (stellenweise bereits stark kommerzialisierten) Oktoberfesten von Blumenau und Joinville. Bier fehlt bei alldem natürlich keineswegs — die heute wichtigsten brasilianischen Brauereien gehen auf Gründungen deutscher und schweizer Einwanderer zurück: Antartica wurde 1888 von dem Deutschen Ludwig Bücher mitgegründet, Brahma im gleichen Jahr von dem Schweizer Joseph Villiger.

Italienische Einflüsse dominieren in Rio Grande do Sul u.a. in der Gegend der heutigen Städte Garibaldi und Bento Gonçalves — letztere ist heute für ihre ausgezeichneten Weine bekannt. Zu den Spezialitäten der italo-brasilianischen Küche zählt neben einer Vielzahl von Rezepten für Ravióli, Nhoque und Polenta zum Beispiel auch Capeletti in Brodo. Die heutige universelle Popularität von Pizza geht dagegen hauptsächlich auf italienische Einwanderer in São Paulo zurück. Wein wird in der bergigen Region der Serra Gaucha in Rio Grande do Sul bereits seit Generationen angebaut, Markenweine mit Exportqualität jedoch erst seit den 1990er Jahren produziert.

Vor der Ankunft der Mitteleuropäer war das heutige Südbrasilien lange Zeit ein Zankapfel zwischen Portugal und Spanien. Da die Region anfänglich grösstenteils zu Spanien gehörte und sich ihre endgültige Zugehörigkeit zu Brasilien erst relativ spät ergab, erhielt sich hier eine tiefe Verbundenheit zu Kulturelementen der hispanisch-indianischen "Gaucho" Tradition, wie der Churrasco oder der Genuß von Mate Tee. Churrasco gilt heute als die bekannteste brasilianische Speise weltweit. Ebenfalls aus der Zeit vor der mitteleuropäischen Einwanderung stammt das Gericht Barreado aus der Region von Morretes in Paraná (gekochtes Fleisch serviert mit Mandoikmehl, Banane und Rum) das vor über 300 Jahren von den Azoren nach Brasilien kam.